Nach Osten schauen, junger Mann!
Die heutige Ausgabe des täglichen EIR-Nachrichtenbriefs ist schwerpunktmäßig den Entwicklungen auf oder rund um das Internationale Wirtschaftsforum St. Petersburg (SPIEF) vom 3. bis 5. Juni gewidmet, einer jährlichen Veranstaltung, zu der Russland Regierungs-, Wirtschafts- und andere Führungskräfte aus aller Welt zusammenbringt, um die aktuelle strategische Lage zu analysieren und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Ost und West in großem Maßstab zu fördern. An der diesjährigen Konferenz nehmen etwa 20.000 Delegierte aus 130 Ländern teil.
Unser Fokus auf das SPIEF ist bewusst gewählt: Hier werden Lösungen für die Probleme der Welt diskutiert. Und wenn wir, die Menschen in den Vereinigten Staaten und Europa, einen Weg aus dem Sumpf permanenter Kriege und kultureller Degradation (und dem damit einhergehenden Pessimismus) finden wollen, geht das nur, wenn wir nach Osten blicken, auf die kommende eurasische Welt.
In seiner Grundsatzrede auf der SPIEF-Plenarsitzung am 5. Juni zeichnete der russische Präsident Wladimir Putin ein düsteres Bild vom bevorstehenden Niedergang des derzeitigen Spekulations-Systems:
„Die Welt durchläuft den bedeutendsten Strukturwandel der letzten Jahrzehnte“, erklärte Putin, „und dieser Wandel ist nicht bloß ein Übergang von einer Phase des Zyklus zur nächsten. Was sich vollzieht, ist eine Verschiebung des Paradigmas der globalen Entwicklung selbst… Jahrzehntelang basierte das Modell der globalen Entwicklung auf einer begrenzten Anzahl von Finanzzentren, technologischen Lösungen, Versicherungs- und Logistikzentren, Ratingagenturen und Reservewährungen … Es wurde zunehmend als Instrument für politischen Druck und unlauteren Wettbewerb eingesetzt, wobei Finanztransaktionen, Technologie, Logistik oder sogar der Zugang zu Informationen von einem Moment auf den anderen unterbunden werden konnten, um diejenigen zu bestrafen, die sich dafür entschieden, im eigenen nationalen Interesse zu handeln – im Wesentlichen handelte es sich um ein bewusst geschaffenes System der Abhängigkeit und der Ressourcenausbeutung.“
Im weiteren Verlauf seiner Plenarrede beschäftigte sich Putin mit der erforderlichen Ersatz-Architektur für dieses gescheiterte System.
„Zahlungen in nationalen Währungen entwickeln sich, und neue Korridore öffnen sich. In Eurasien gehören dazu der Nord-Süd-Korridor, die transarktische Transportroute sowie Verbindungen über das Kaspische Meer, Zentralasien, das Schwarze Meer und den Fernen Osten. All diese Projekte und Logistikwege sind konkrete Merkmale der heutigen und, was wichtig ist, der morgigen Entwicklung … Es ist klar, dass unter solchen Bedingungen Länder auf der ganzen Welt ihre Vermögenswerte im Westen abbauen und Abrechnungen auf nationale Währungen umstellen, wobei sie zunehmend alternative Zahlungssysteme nutzen…
Ich möchte betonen, dass die Welt eine moderne, flexible und verantwortungsvolle Finanzarchitektur braucht – eine, die frei von Risiken, Verboten und Barrieren ist und Anreize für eine souveräne Entwicklung bietet.“
Ebenso wie sein enger strategischer Verbündeter, der chinesische Präsident Xi Jinping, streckt Putin dem Westen und insbesondere den Vereinigten Staaten weiterhin die Hand zur Zusammenarbeit aus, um an dieser entstehenden neuen Architektur teilzuhaben. Eines der symbolträchtigen gemeinsamen Projekte, die am Rande des SPIEF erörtert wurden, ist der Bau eines Tunnels unter der Beringstraße, die heute Russland von Alaska trennt – ein gigantisches Projekt, das, wie die russischen Behörden auf dem SPIEF bekanntgaben, nun in die Phase der technischen Planung übergeht und zu dessen Mitarbeit China eingeladen wurde.
Dies ist eines der großen Vorzeigeprojekte, das der amerikanische Staatsmann und Ökonom Lyndon LaRouche seit langem vorgeschlagen hat. Für ihn war das Projekt des Beringstraßen-Tunnels Teil einer umfassenderen strategischen Konzeption, die er bei zahlreichen Gelegenheiten vorgestellt hat, unter anderem in seiner Abhandlung vom November 2005, „Ein zweiter Westfälischer Friede für die kommende eurasische Welt“.
„Es gibt Lösungen; aber glauben Sie nicht, dass ich vorschlage, man könne kurzerhand die Uhr um ein paar Jahrzehnte, zu besseren Zeiten der europäischen Zivilisation, zurückdrehen und einfach nur die schlimmsten politischen Entscheidungen der letzten vier Jahrzehnte rückgängig machen. Eine abgebrannte Kerze kann man nicht wieder anstecken. Es ist an der Zeit, dass einige von uns zusammenkommen und sich mit den neuen und tieferen Bedrohungen befassen, denen wir künftig nicht nur als Nation, sondern als Weltzivilisation gegenüberstehen werden. Wir müssen uns schnell sammeln, um uns damit zu beschäftigen, wie diese Krise mit anderen, heranstürmenden Änderungen zusammentrifft, die ebenfalls den Charakter weltweiter sozialer und politischer Erhebungen von tektonischer Tragweite haben.
Da das gegenwärtige imperiale, liberale, anglo-holländische Finanzsystem, das seit dem Pariser Friedensvertrag vom 10. Februar 1763 in wachsendem Maße auf dem Planeten vorherrschte, nun einen Systemzusammenbruch erlebt, kann nur ein angemessenes neues System, das dieses liberale System ablöst, den raschen Abstieg des gesamten Planeten in ein neues finsteres Zeitalter verhindern. Deshalb müssen wir jetzt schnell ein neues System der Beziehungen zwischen allen führenden souveränen Nationalstaaten dieses Planeten entwickeln und beschließen – einen Vertrag, der den Prinzipien des Westfälischen Friedens von 1648 entspricht. Dies erfordert einen unverstellten Blick auf die Beziehungen zwischen den Völkern und Kulturen Europas und Asiens. Verantwortungsbewußte Menschen müssen jetzt die Diskussionen, die notwendig sind, um die Grundzüge der Vereinbarungen festzulegen, mit Nachdruck vorantreiben.“
LaRouche betonte damals, ebenso wie wir heute: „Ich werde mich für einen gerechten, weltweiten Vertrag zwischen Nationen einsetzen, die auf der europäischen Kultur gründen, und solchen, die den asiatischen und anderen Kulturen der Welt angehören.“
Inhalt
NEUES PARADIGMA
- Putin im Dialog mit der Welt auf der Plenarsitzung des St. Petersburger Wirtschaftsforums
- Dmitrijew: Planungsphase des Bering-Tunnels soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein
STRATEGISCHE KRIEGSGEFAHR
- Russen erheben Strafanzeige gegen ehemaligen britischen Verteidigungsminister Wallace
- Lawrow: Keine Fortschritte seit Anchorage, aber die USA erkennen an, dass die Ursachen des Krieges angegangen werden müssen
- Selenskij spielt sich mit offenem Brief an Putin auf
ZUSAMMENBRECHENDES IMPERIALES SYSTEM
- Putin: Russisches Gas könnte „morgen“ wieder nach Deutschland fließen
- Economist: Der Kaiser (die US-Schulden) ist nackt
- Wadephul: Putin war‘s!