Wer wird die Furien zähmen?
In Aischylos’ Orestie, der ältesten erhaltenen Trilogie der westlichen Dramatik, wird der Kreislauf der Blutrache, der das Haus des Atreus verschlungen hat, endlich durchbrochen – nicht durch weiteres Töten, sondern durch die Einrichtung eines Gerichts der Vernunft. Die Furien, die antiken Rachegöttinnen, die Blut für Blut fordern und jeden Racheakt zum Anlass für weitere Rache machen, werden nicht vernichtet; sie werden verwandelt. Athene überzeugt sie durch einen Akt politischen Mutes, eine neue Rolle anzunehmen: als Eumeniden, die „Gütigen“, Beschützerinnen der Gerechtigkeit der Stadt. Der Kreislauf endet nicht, weil die Rache im Kampf besiegt wird, sondern weil zerstörerische Wut in bürgerliche Ordnung und Sorge um das Ganze verwandelt wurde.
Beachten Sie den Namen, den das Pentagon für seinen Krieg gegen den Iran gewählt hat: „Operation Epic Fury“. Der Name ist in einer Weise bezeichnend, die seine Urheber nicht beabsichtigt haben. Die Furien kennen keine Grenzen. Sie verhandeln nicht. Sie nähren sich vom bereits vergossenen Blut, um das nächste Vergießen zu rechtfertigen. Das ist die Logik, die derzeit am Werk ist: Netanjahu ruft Trump an, nachdem ein Waffenstillstand verkündet wurde, und die Bedingungen ändern sich. Israel greift am ersten Tag der Waffenruhe 100 Ziele im Libanon an und tötet 13 Angehörige der staatlichen Sicherheitskräfte in Nabatieh mit einem einzigen Schlag. Die ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair und Boris Johnson fordern, dass Großbritannien in den Krieg eintritt. Trump, der nach Tucker Carlsons Darstellung unter einem „Druck steht, den die meisten Menschen nicht begreifen können“, schlägt einen 76 Meter hohen Bogen zu seinen Ehren am Eingang zum Arlington National Cemetery vor: ein Denkmal für den Mann, der die bisher letzte Gruppe von Amerikanern in den Tod geschickt hat. Bestimmen die Furien die US-Politik?
Doch Aischylos schrieb die Orestie, um zu zeigen, dass die Furien sich wandeln können – und die heutigen Entwicklungen deuten darauf hin, dass diese Wandlung möglich ist. In Islamabad setzten sich US-amerikanische und iranische Delegationen zu Gesprächen zusammen, wobei Vizepräsident Vance – der Berichten zufolge den Krieg von Anfang an abgelehnt hatte – die amerikanische Seite anführte. Die Verhandlungen dauerten über zwanzig Stunden bis in den Sonntagmorgen hinein, endeten jedoch ohne Einigung.
In Rom berief Papst Leo XIV. eine weltweite Gebetswache ein und sagte zu den Staats- und Regierungschefs: „Halt! Es ist Zeit für Frieden! Setzt euch an den Tisch des Dialogs und der Vermittlung, nicht an den Tisch, an dem Aufrüstung geplant und tödliche Maßnahmen beschlossen werden!“ Er warnte, dass „sogar der heilige Name Gottes, des Gottes des Lebens, in Diskurse des Todes hineingezogen wird“ – eine direkte Zurechtweisung der Kriegsrufe im Namen des Glaubens aus Washington. Vierzig Nationen folgten seinem Aufruf. In Peking trafen sich, wie wir am 10. April berichteten, die KMT-Vorsitzende Cheng Li-wun und Xi Jinping zum ersten hochrangigen Kontakt zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße seit einem Jahrzehnt und entschieden sich für Annäherung statt Konflikt. Und auf dem Pazifik landeten vier Astronauten nach der ersten Reise der Menschheit zum Mond seit über 50 Jahren im Wasser – eine Erinnerung daran, dass die Menschheit zu mehr fähig ist als zur Selbstzerstörung.
Die Frage, die Aischylos vor 2.500 Jahren stellte, ist die Frage, vor der wir jetzt stehen: Wer spielt Athene? Wer hat den Mut, den Furien die Stirn zu bieten – nicht mit mehr Gewalt, sondern mit der Autorität von Vernunft und Gerechtigkeit? Der Kongress der Vereinigten Staaten, wie der Verfassungsrechtler Bruce Fein und die US-Präsidentschaftskandidatin Diane Sare argumentiert haben, hält die Haushaltshoheit in der Hand und könnte diesen Krieg mit einer Abstimmung beenden. Sie haben sich geweigert, zweimal. Die Furien setzen auf diese Feigheit. Das neue Paradigma verlangt, dass sie ein Ende findet.
Inhalt
NEUES PARADIGMA
- Papst Leo XIV. beruft weltweite Gebetswache für den Frieden ein
STRATEGISCHE KRIEGSGEFAHR
- Streit um eingefrorene iranische Vermögenswerte, Straße von Hormus
- Noch kein Waffenstillstand im Libanon
- Experten sagen, der Iran habe US-Militärstützpunkte unbrauchbar gemacht
- Zusammenarbeit über die Taiwanstraße hinweg ist der Weg in die Zukunft
- Ungarn: Orban könnte den politischen Kampf gewinnen, muss aber auch den wirtschaftlichen gewinnen
- Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine beginnt; großer Gefangenaustausch durchgeführt
- Gespräche zwischen den USA und dem Iran beginnen in Islamabad
WISSENSCHAFT UND TECHNOLOGIE
- Artemis-II-Crew kehrt nach historischer Mondmission sicher zurück
GESCHICHTE UND KULTUR
- Trump enthüllt Pläne für überdimensionalen „Triumphbogen“