Was ist die „westliche Zivilisation“? Rubios Münchner Fantasien treffen auf die Epstein-Realität
US-Außenminister Marco Rubio hielt am 13. Februar eine Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz, die eine mitreißende Verteidigung der westlichen Zivilisation sein sollte. Es sei der europäische Kontinent gewesen, erklärte er, „der die Genies Mozart und Beethoven, Dante und Shakespeare, Michelangelo und Da Vinci, die Beatles und die Rolling Stones hervorgebracht hat“. Lassen wir einmal die Peinlichkeit beiseite, eine Rockband mit Beethoven zu vergleichen. Die tiefere Frage, die Rubios Rede unbeabsichtigt aufwirft, lautet: Was ist der tatsächliche Zustand der Zivilisation, für die er sich angeblich einsetzt?
Die Antwort darauf wird auf der anderen Seite des Atlantiks in quälenden und widerwärtigen Details geliefert. Die Epstein-Enthüllungen dieser Woche brachten ans Licht, dass Obamas ehemaliger Berater im Weißen Haus bewundernde E-Mails mit einem verurteilten Sexualstraftäter austauschte, dass sich ein Logistikmagnat aus Dubai zustimmend über ein „Foltervideo“ äußerte und dass amtierende Mitglieder des Trump-Kabinetts offen über ihre Verbindungen zu Epsteins Insel logen, während die Justizministerin dabei erwischt wurde, wie sie die Akteneinsicht von Kongress-Abgeordneten ausspionierte, und der stellvertretende Justizminister Todd Blanche neue Strafverfolgungen für „unwahrscheinlich“ erklärte. In Großbritannien durchsuchte die Metropolitan Police die Wohnung eines ehemaligen Botschafters wegen des Verdachts, er habe Staatsgeheimnisse an Epstein weitergegeben, und der Stabschef des Premierministers trat in der Folge zurück. Dies ist kein marginaler Skandal. Dies ist die Arbeitskultur der transatlantischen Elite – derselben Elite, die der Welt Vorträge über eine „regelbasierte Ordnung“ hält.
Rubio würdigte fünf Jahrhunderte westlicher Ausbreitung auf der Welt, „seine Missionare, seine Pilger, seine Soldaten, seine Entdecker“. Aber er unternahm keinen Versuch, die antiimperialistische Philosophie hinter der Amerikanischen Revolution von den imperialistischen Übergriffen zu unterscheiden, die im Namen des „Westens“ begangen wurden – wie dem Sklavenhandel, den Opiumkriegen oder der Plünderung ganzer Kontinente. Er beschrieb den Rückzug des Imperiums nach 1945 als eine Tragödie, die durch „gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände“ vorangetrieben wurde. Er brachte es nicht über sich, zu sagen, dass das imperiale System, um das er trauert, schon immer auf der moralischen Entstellung basierte, die jetzt in den Epstein-Akten zum Vorschein kommt: eine herrschende Klasse, die darauf abgerichtet ist, Machtausübung von jeglicher menschlicher Empathie zu trennen. Das britische „Public School“-System hat dies über Jahrhunderte hinweg perfektioniert. War Epsteins Unternehmen Teil des Pendants in den USA?
Das Naturrecht ist in diesem Punkt unerbittlich. Man kann so viele Gesetze verabschieden, wie man will, alle Armeen einsetzen, die man befehligt, aber eine Zivilisation, die eine Führungsschicht toleriert, die auf reine Herrschaft anstatt auf Entwicklung ausgerichtet ist, ist eine Zivilisation im endgültigen Niedergang – nicht wegen eines äußeren Feindes, sondern weil sie sich innerlich ausgehöhlt hat. Die gleiche Missachtung der Menschenwürde, die Epsteins Kreise gedeihen ließ, ermöglicht es, dass ein brutaler Völkermord in Gaza im Fernsehen übertragen wird, dass die gnadenlose Blockade Kubas fortgesetzt wird und dass die Androhung anhaltender Militäroperationen gegen den Iran als eine machbare politische Option behandelt wird, während das transatlantische Finanzsystem bis zur Unkenntlichkeit aufgebläht wird und reif für den Zusammenbruch ist.
Was würde ein Präsident George Washington, der sich für die Förderung des Gemeinwohls eingesetzt hat und meinte, dass sich die Legitimität der Regierung von der Zustimmung der Regierten ableitet, von einer Justizministerin halten, die Abgeordnete ausspioniert, die Beweise für Verbrechen prüfen? Was würde Benjamin Franklin – der brillante Publizist, Wissenschaftler und Diplomat – zu einem Außenminister sagen, der Zivilisation als Recht zu Herrschen definiert, statt als Verpflichtung, andere Länder zu entwickeln? Die Frage beantwortet sich von selbst. Die amerikanische Republik wurde nicht gegründet, um ein Imperium zu verwalten. Sie wurde auf der Grundlage der These gegründet, dass Menschen eine angeborene Würde und ein kreatives Potenzial besitzen und dass es die Aufgabe der Regierung ist, beides zu fördern.
In diesem Jahr jährt sich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung zum 250. Mal. Wenn dieses Ereignis mehr als nur eine pompöse Feier sein soll, muss es zum Ausgangspunkt für eine Abrechnung werden – nicht nur mit den in den Epstein-Akten dokumentierten Verbrechen, sondern auch mit der Kultur, die sie hervorgebracht und zugelassen hat. Eine Zivilisation, die diesen Namen verdient, misst sich nicht an der Macht, die sie ausübt, sondern an der Schönheit, die sie schafft, und der Kreativität, die sie entfaltet: in der Wissenschaft, in der Infrastruktur, in der Bildung, in den Künsten.
Die Frage ist nicht, ob der Westen einst einen Beethoven hervorgebracht hat. Die Frage ist, ob wir heute etwas von vergleichbarem moralischem Wert hervorbringen können – oder ob wir diesen Anspruch an die degradierte Kultur abgegeben haben, die nun ans Licht kommt, und mit ihr die hohe Vorstellung vom Menschen, auf der jede verteidigungswürdige Zivilisation beruhen muss.
Inhalt
STRATEGISCHE KRIEGSGEFAHR
- Die USA verschärfen ihre Kriegsdrohungen gegen den Iran
- USA wollen sich mit dem Iran in Genf treffen
- Rubio und US-Senat versuchen, den Ausbruch des Friedens zu verhindern
ZUSAMMENBRUCH DES IMPERIALEN SYSTEMS
- Zusammenfassung der bisherigen Epstein-Enthüllungen
- Gesetzentwurf zur Beendigung der US-Blockade gegen Kuba vorgelegt
- Oberster britischer Gerichtshof: „Palestine Action“ wurde unrechtmäßig verboten
WISSENSCHAFT UND TECHNOLOGIE
- Senat von New Mexico lehnt Gesetzentwurf zu Treibhausgasen zum zweiten Mal in Folge ab
NEUES PARADIGMA
- China-Afrika-Handel explodiert, während die westliche Hilfe zusammenbricht
- Trumps Deal mit Indien über nicht-russisches Öl: Wo ist der Haken?