Die Potenziale nutzen
Der russische Präsidentenberater Juri Uschakow erklärte am 9. Mai gegenüber Reportern, dass die kürzlich „intensivierten“ Kontakte zwischen Washington und Moskau zu dem am Vortag von US-Präsident Donald Trump vermittelten Waffenstillstandsabkommen geführt hätten. Offensichtlich wurde die von Kiews Drohung ausgehende Gefahr, die Moskauer Parade zum Tag des Sieges am 9. Mai anzugreifen, sowie Russlands Ankündigung einer massiven Vergeltung zur Kenntnis genommen – und die Macht der Diplomatie erwies sich als wirksam.
Dennoch zeigte sich der russische Präsident Wladimir Putin bei den Feierlichkeiten am 9. Mai außergewöhnlich deutlich, als er in seiner Gedenkrede die Bedeutung der 27 Millionen Kriegsopfer für die heutigen Russen hervorhob: „Die große Leistung der siegreichen Generation inspiriert die Soldaten, die heute die Aufgaben der militärischen Sonderoperation erfüllen. Sie stehen einer aggressiven Streitmacht gegenüber, die vom gesamten NATO-Block bewaffnet und unterstützt wird.“ Mit anderen Worten: Russland betrachtet seinen Kampf gegen eine zunehmend aggressive NATO als Fortsetzung jenes Krieges vor 81 Jahren.
Es ist unbestreitbar, dass wir derzeit die gefährlichste Phase der Weltgeschichte durchleben. Jeder kleine Fehler oder jedes Missverständnis könnte jeden Moment eine Spirale von Ereignissen auslösen, die zu einem globalen Krieg führen. Verschärft wird dies noch durch die Irrationalität führender westlicher Länder, die darauf bestehen, an einer sterbenden unipolaren Weltanschauung festzuhalten, und zunehmend kleinere „Stellvertreterkriege“ nutzen, um ihre Hauptgegner – Russland und China – ins Visier zu nehmen. Ein typisches Beispiel dafür sind die neuen Sanktionen der Trump-Regierung gegen chinesische Unternehmen, angeblich wegen Unterstützung des Iran.
Doch trotz dieser äußerst ernsten Realität muss man diese Situation unter dem Gesichtspunkt der Staatskunst immer als Potenzial betrachten – selbst des Potenzials jener höchst irrationalen westlichen Länder wie den Vereinigten Staaten. In seiner Rede anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges am 7. Mai in der russischen Botschaft in Washington sagte Botschafter Alexander Dartschijew: „Der Höhepunkt unserer Beziehungen während des Großen Vaterländischen Krieges dient als Beispiel und als positives Ereignis, das zweifellos zur Normalisierung unserer bilateralen Beziehungen beiträgt. Auch hier ist der Prozess langsam, und die weltpolitischen Ereignisse haben zudem tragische Auswirkungen, aber wenn Russland und die Vereinigten Staaten zusammenstehen und wenn China sich uns anschließt, glaube ich, dass wir alle Probleme lösen werden.“
Das Konzept des Potenzials wurde wiederholt von Lyndon LaRouche betont, der wusste, dass die Welt – im Gegensatz zu veralteten Schulbüchern – nicht nach den festen Gesetzen der Physik funktioniert. Die alten Griechen folgten dem Prinzip der dynamis – einem sich selbst entfaltenden, kreativen Potenzial –, während Aristoteles und seine Anhänger die bloße energeia bevorzugten, die bloße Verwirklichung bereits existierender Dinge. Aristoteles glaubte fälschlicherweise, die Wirklichkeit gehe immer dem Potenzial voraus, was bedeutet, dass alles Neue nur durch etwas bereits Fertiges entstehen könne, während Platon und seine Anhänger darauf bestanden, dass die reale Welt tatsächlich offen für schöpferische Kräfte ist, die das Universum in zuvor noch nie gegebene Zustände treiben.
Dieses Prinzip der dynamis ist der Grund, warum die Welt gleichzeitig zwischen den absoluten Katastrophen eines neuen Militarismus, religiöser Kriege, amoralischer kultureller Verkommenheit und der Konfrontation globaler Supermächte schweben und zugleich an der Schwelle zu einer qualitativ neuen Ära der Menschheitsgeschichte stehen kann, die diese Übel wie Kinderkrankheiten überwindet. Die Herausforderung an alle, die bereit sind, sie zu sehen, lautet: Was werden wir tun, um dieses Potenzial zu nutzen und die Chance zu ergreifen, die uns jetzt bietet?
Inhalt
STRATEGISCHE KRIEGSGEFAHR
- Kreml: intensive Kontakte mit Washington führten zum Waffenstillstand vom 9. Mai
- Putins Rede anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges
- Putin trifft sich mit dem slowakischen Premierminister
- Russisches Verteidigungsministerium: Tausende Verstöße gegen den Waffenstillstand
- USA verhängen Sanktionen gegen weitere chinesische Unternehmen
- Iranische Diplomatie und US-Drohungen
- Lawrow spricht mit Amtskollegen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien
- Mützenich: Aufrüstung muss von Diplomatie begleitet werden
- Trumps Eskalation gegen Mexiko